Muskelkraft als Vitalzeichen: Warum man Kraft messen sollte

Dein Arzt misst Puls, Blutdruck und Temperatur – aber wann hat zuletzt jemand deine Kraft gemessen? Fachleute fordern, Muskelkraft als Vitalzeichen in den klinischen Alltag aufzunehmen. Was dahintersteckt, welche zwei einfachen Tests Aufschluss geben können und was du selbst tun kannst, erfährst du hier.

Dr. Martin PühringerDr. Martin Pühringer
21. September 2026
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Bei einer ärztlichen Untersuchung fließt vieles in die Einschätzung deines Gesundheitszustands ein – deine Muskelkraft bleibt dabei meist außen vor. Dabei könnte genau sie für die Diagnose relevant sein: Ein aktuelles Editorial im British Journal of Sports Medicine kritisiert, dass Muskelkraft als Vitalzeichen in der medizinischen Routine fehlt, obwohl geringe Kraft ein starker Risikomarker für gesundheitliche Probleme ist (Faigenbaum et al., 2026).

Muskelkraft als Vitalzeichen: Was steckt hinter der Forderung?

Was ist ein Vitalzeichen?

Vitalzeichen sind simple, wiederholbar messbare Werte, die etwas über den Gesundheitszustand verraten: klassischerweise Puls, Blutdruck, Atmung und Körpertemperatur, mittlerweile oft ergänzt um die Sauerstoffsättigung. Sie werden erfasst, weil sie Risiken früh sichtbar machen. Auch Bewegung wird schon als „fünftes Vitalzeichen" diskutiert: Ärztinnen und Ärzte sollen erfragen, wie aktiv du pro Woche bist (Sallis, 2011).

Das Autorenteam argumentiert: Das reicht nicht. Wer aktiv wirkt, aber zu wenig Kraft hat, um mühelos vom Stuhl aufzustehen oder Stiegen zu steigen, bleibt unsichtbar. Muskelkraft erfüllt die Kriterien eines Vitalzeichens: Sie ist einfach messbar, reproduzierbar und sagt Gesundheitsrisiken voraus, wird aber bisher weder als solches geführt noch routinemäßig erfasst.

Zum Vergleich: Auch Körpergewicht wird bei fast jeder Untersuchung gemessen. Trotzdem gilt es nicht als Vitalzeichen, sondern als anthropometrischer Wert, denn es ändert sich nicht akut und zeigt keine unmittelbare physiologische Krise an. „Wird gemessen" und „ist ein Vitalzeichen" sind also zwei verschiedene Dinge, bei der Muskelkraft verhält es sich genau umgekehrt: Sie erfüllt laut Autoren die Kriterien, wird aber nicht gemessen.

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Was sagt Muskelkraft über deine Gesundheit aus?

Was sagt die Handkraft über die Gesundheit aus?

Eine Meta-Analyse mit 94 Kohortenstudien (aus 155 eingeschlossenen Studien) untersuchte, wie gut einfache Krafttests spätere Gesundheitsprobleme vorhersagen (Marín-Jiménez et al., 2026). Das Ergebnis: Geringe Muskelkraft ist mit höherem Risiko für Funktionsverlust, Stürze, Brüche und frühe Sterblichkeit assoziiert.

Die gute Nachricht: Gezieltes Krafttraining verbessert nachweislich Kraft und körperliche Funktion (Liu & Latham, 2009) und wirkt sich positiv auf kardiovaskuläre Risikofaktoren aus (de Oude et al., 2025; Rivera-Mejía et al., 2026).

Was ist Dynapenie?

Dynapenie bezeichnet den altersbedingten Verlust an Muskelkraft (Clark & Manini, 2012). Sie ist nicht dasselbe wie Sarkopenie, die den Verlust an Muskelmasse meint. Das Autorenteam beschreibt ein Kontinuum von der Kraftreserve bis zur Dynapenie: Wer eine Reserve hat, verfügt über mehr Kapazität, als der Alltag verlangt. Wer wenig Kraft hat, kommt im Alltag vielleicht noch zurecht, gerät aber bei höheren Belastungen wie Einkäufe tragen oder Gartenarbeit an die Grenze. Fällt die Kraft unter die Anforderungen, steigt das Risiko für Erkrankungen und Unfälle.

Kraft-Risiko-Kontinuum: fünf Stufen von Kraftreserve bis Dynapenie im Verhältnis zu den Anforderungen des Alltags

Wie lässt sich Muskelkraft messen? Handkraft und Chair-Stand-Test

Der Editorial nennt zwei Tests, die sich für den klinischen Alltag eignen: einfach durchführbar, kostengünstig, valide und zuverlässig, mit nachgewiesenem Vorhersagewert für verschiedene Gesundheitsrisiken (Faigenbaum et al., 2026).

  • Handkraft (Handdynamometrie): Mit einem Handdynamometer wird die maximale Griffkraft gemessen, ein Wert, der als Marker für die allgemeine Muskelkraft gilt. Die Messung dauert wenige Minuten und lässt sich unkompliziert in eine Untersuchung integrieren, etwa in der Ordination, Therapie oder Sportmedizin.
  • Chair-Stand-Test (Aufstehtest): Er erfasst die Kraft der Beinmuskulatur. Gemessen wird entweder die Zeit für fünf Wiederholungen des Aufstehens von einem Stuhl oder die Anzahl der Wiederholungen in 30 Sekunden, je nach Testvariante. Auch dafür braucht es kein Spezialgerät.

Beide Tests erfüllen damit genau die Kriterien, die das Autorenteam für ein Vitalzeichen fordert: niedrigschwellig, reproduzierbar, aussagekräftig. Trotzdem sind sie bisher kaum Teil der Routineuntersuchung.

Falls du selbst eine erste Einschätzung deiner Funktion möchtest, eignet sich mein kostenloser Gleichgewichts-Check, eine einfache Testbatterie, zu der auch der Aufstehtest gehört. Ein Selbsttest ersetzt allerdings keine ärztliche Abklärung!

Kraft im klinischen Alltag: Was Fachleute fordern

Das Autorenteam schlägt dafür ein sechsstufiges Vorgehen vor, das sogenannte STRONG-Framework:

  1. Screen – Muskelkraft und -funktion routinemäßig mit kostengünstigen, validierten Tests erfassen (z. B. Handkraft, Chair-Stand-Test)
  2. Target – Personen mit geringer Kraft und erhöhter Vulnerabilität über die gesamte Lebensspanne hinweg identifizieren
  3. Refer – bei geringer Kraft an qualifizierte Bewegungsfachleute für Krafttraining zuweisen
  4. Optimise – Krafttraining individuell gestalten, um Kraftreserve und Funktion aufzubauen
  5. Normalise – Kraftmessung als festen Bestandteil im Gesundheitswesen, in Schulen und Gemeinden verankern
  6. Govern – die Umsetzung durch Politik, Überwachungssysteme und Public-Health-Strategien unterstützen, um auf Bevölkerungsebene Wirkung zu erzielen

Der Grundgedanke: nicht mehr abwarten, bis Kraft zum Problem wird, sondern sie messen, einordnen und gezielt trainieren – bevor der Verlust chronisch wird.

Warum passiert das bisher selten? Genannt werden Zeitmangel, wenig Ausbildung und Wissen im Bereich des Krafttrainings, fehlende Vertrautheit mit den Tests und die Wahrnehmung von Krafttraining als Leistungssportthema. Auch die Empfehlungen zum Krafttraining werden seltener eingehalten als jene zu Ausdauer (Faigenbaum et al., 2026). 

Krafttraining zur Prävention: Was du selbst tun kannst

Wie viel Krafttraining ist gesund?

Eine Meta-Analyse mit 16 Kohortenstudien fand: Muskelkräftigende Aktivität war mit einem etwa 10–20 % geringeren Risiko für Gesamtsterblichkeit, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs assoziiert. Der größte Nutzen zeigte sich bei rund 30 bis 60 Minuten pro Woche, unabhängig von Ausdaueraktivität (Momma et al., 2022).

Das deckt sich mit den Österreichischen Bewegungsempfehlungen: Sie raten Erwachsenen, an mindestens 2 Tagen pro Woche muskelkräftigende Übungen für alle großen Muskelgruppen durchzuführen, zusätzlich zu 150 bis 300 Minuten ausdauerorientierter Bewegung (Titze et al., 2020).

Du brauchst dafür keinen Gerätepark. Entscheidend sind Regelmäßigkeit und eine schrittweise Steigerung. Wie oft und wie viel für dich sinnvoll ist, liest du in meinem Artikel Krafttraining ab 50. Elf einfache Übungen zum Start findest du im Freebie Stark & Stabil ab 50. Wie Kraft mit deinem Sturzrisiko zusammenhängt, erfährst du in Gleichgewichtstraining ab 50.

Fazit: Kraft messen, Kraft aufbauen

  • Fachleute fordern, Muskelkraft als Vitalzeichen routinemäßig zu erfassen, weil geringe Kraft ein Risikomarker ist.
  • Handkraft und Chair-Stand-Test sind zwei einfache Wege, deine Kraft einzuschätzen.
  • Die Datenlage zeigt Zusammenhänge, und Krafttraining verbessert nachweislich Kraft und Funktion.
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Wissenschaftliche Literatur

  • Clark, B. C., & Manini, T. M. (2012). What is dynapenia?. Nutrition, 28(5), 495–503.
  • de Oude, K. I., Elbers, R. G., Gerger, H., Maes-Festen, D. A. M., & Oppewal, A. (2025). The effect of different resistance exercise training intensities on cardiovascular risk factors: a systematic review and meta-analysis. European heart journal open, 5(5), oeaf093.
  • Faigenbaum, A. D., MacDonald, J. P., Mortatti, A., Villa-González, E., & Rial Rebullido, T. (2026). The strength-risk continuum: reframing muscular weakness as a clinically relevant risk marker. British journal of sports medicine, bjsports-2026-112013. Advance online publication.
  • Liu, C. J., & Latham, N. K. (2009). Progressive resistance strength training for improving physical function in older adults. The Cochrane database of systematic reviews, 2009(3), CD002759.
  • Marín-Jiménez, N., Bizzozero-Peroni, B., Molina-Garcia, P., Ortega, F. B., Chaput, J. P., Zhang, K., Lang, J. J., McGrath, R., Tomkinson, G. R., Martínez-Vizcaíno, V., Cuenca-García, M., & Castro-Piñero, J. (2026). Clinical importance of simple muscular fitness tests to predict long-term health conditions: a systematic review and meta-analysis of 94 cohort studies. British journal of sports medicine, 60(6), 465–483.
  • Momma, H., Kawakami, R., Honda, T., & Sawada, S. S. (2022). Muscle-strengthening activities are associated with lower risk and mortality in major non-communicable diseases: a systematic review and meta-analysis of cohort studies. British journal of sports medicine, 56(13), 755–763.
  • Rivera-Mejía, SL., Rúa-Alonso, M., Rial-Vázquez, J., et al. (2026). Resistance training improves cardiovascular health in postmenopausal women: systematic review and meta-analysis. J Appl Physiol, 141(2), 619-641.
  • Sallis R. (2011). Developing healthcare systems to support exercise: exercise as the fifth vital sign. British journal of sports medicine, 45(6), 473–474.
  • Titze, S., Lackinger, C., Fessl, C., Dorner, T. E., & Zeuschner, V. (2020). Österreichische Bewegungsempfehlungen für Erwachsene und ältere Erwachsene ohne und mit Körper-, Sinnes- oder Mentalbehinderung sowie für Menschen mit chronischen Erkrankungen. Gesundheitswesen, 82(S 03), S170–S176.

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